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Stuktur
der philippinischen Kampfkünste
Die
philippinischen Kampfkünste, die so genannten Filipino
Martial Arts (FMA), haben eine jahrtausende lange Tradition.
Richtig populär wurden die FMA allerdings erst in den
letzten Jahrzehnten. Wenn heute von den philippinischen
Kampfkünsten gesprochen wird, sind zumeist die Waffen-
und Kampfsysteme gemeint, die während und nach der
spanischen Besatzungszeit im 16. Jahrhundert perfektioniert
wurden.
Die FMA werden häufig synonym unter den Oberbegriffen
Kali, Arnis und Eskrima zusammengefasst. Alle meinem im
Großen und Ganzen die Kunst des philippinischen Waffenkampfes
und ihre waffenlose Umsetzung. Eine genaue Differenzierung
dieser 3 Standartnamen ist ein mühsames Unterfangen,
allein schon, weil es eine fast unzählbare Anzahl verschiedener
Stile dabei gibt. Als erste Information möge genügen,
dass die sprachliche Verwendung der Begriffe K-A-E eine
geographische Abhängigkeit besitzt. Der Begriff Arnis
ist überwiegend im Norden, Eskrima hauptsächlich
im Zentrum und Kali fast nur im südlichen Teil der
Philippinen gebräuchlich.
Anders wie in den asiatischen Kampfkunstmetropolen Japan
und China üblich, ist für die philippinischen
Kampfkünste charakteristisch, dass zuerst der Umgang
mit den Waffen erlernt wird. Das dahinterstehende Grundprinzip
besagt, dass die Technikausführung mit den Waffen,
ohne Weiteres auf die waffenlose Verteidigung übertragen
werden kann. Die verschiedenen Waffen werden lediglich als
eine Verlängerung der eigenen Hand betrachtet. Dies
macht die FMA zu einer äußerst praktischen, effektiven
und flexiblen Kampfkunst.
Interessant ist auch, dass nahezu alle Waffentechniken der
FMA auch mit Alltags-gegenständen, wie z. B. Schlüssel,
Zeitung, Regenschirm, Kugelschreiber, Handy usw., ausgeführt
werden können.
Normalerweise werden die verschiedenen Stile mit Hilfe von
unterschiedlichen Methoden/ Kategorien klassifiziert. Jedes
System bzw. jeder Stil enthält bis zu 12 Ausbildungsgegenstände.
Je nach Zielsetzung des Stils sind diese Kategorien mehr
oder weniger stark integriert.
Traditionell überlieferte Disziplinen der FMA
"Mündlich überliefert sind zwölf Stufen
der Krieger-Ausbildung:
1. Stock, Schwert, Axt
2. Doppelstock
3. Messer
4. Doppelmesser
5. Messer und leere Hand
6. Faustkampf
7. Trittkampf
8. Ringkampf
9. Speer und Stab
10. Geschosse und Wurfpfeile
11. Blasrohr
12. Pfeil und Bogen
Inwieweit diese zwölf Kategorien tatsächlich einem
Lehrplan modernen Maßstabes entsprachen, lässt
sich ebensowenig sagen wie nachzuvollziehen ist, ob in solcher
Form überhaupt unterrichtet wurde. So war beispielsweise
das Blasrohr lediglich auf Palawan und Mindanao verbreitet.
Es dürfte daher kaum Unterrichtsgegenstand anderer
Inselvölker gewesen sein. Und die Erfahrung vieler
ausländischer Sportler, die auf den Philippinen in
heimischen Kali/ Arnis/ Eskrima-Clubs trainiert haben, belegen,
dass sich dort kaum jemand um eine planmäßige
Ausbildung schert. Es wird trainiert, was gerade ansteht.
Warum also sollte es in vorkolonialer Zeit anders gewesen
sein?" (vgl. Minoza, 1998)
Ich bevorzuge folgende Kategorisierung der FMA:
Einzelwaffen (Single weapons)
· Einzelstock (Isang Olisi, Solo baston)
· Messer, Dolch (Baraw, Daga)
· (Kurz)Schwert (Sundang, ursp. langes Messer)
· Schwert (Kampilan, Kris)
· Palm/pocket stick
· Langstock (Bankaw)
· Speer (Sibat)
Doppelwaffen (Double weapons)
· Doppelstock (Dalawang Olisi, Doble baston)
· Doppelmesser (Baraw-Baraw)
· Schwert (Stock) und Dolch (Messer) (Espada
y daga bzw. Olisi y baraw)
· Stock/ Schwert und Schild
Waffenloses Kämpfen (Empty hands fighting)
· Leere-Hand-Systeme (Cadena de mano, Pangamay,
Mano Mano)
· Faustkampf (Panantukan, Suntokan)
· Trittkampf (Sikaran)
· Ringkampf (Dumog, Buno)
Flexible Waffen (Flexible weapons)
· Seil
· Kette
· Nunchaku
· Peitsche
· Wurfpfeile (Throwing weapons, Udyong)
· Geschosse (Projectile weapons, Tapon-Tapon)
· Blasrohr (Suput)
· Pfeil und Bogen (Bayanan sa Pana ug Pana)
Üblicherweise war und ist heute immer noch der Stock
die erste Waffe mit der ein Anfänger umzugehen lernt.
Metallene Schwerter wie das Kris und das Kampilan waren
selbst zu der Besatzungszeit im 16. Jahrhundert noch selten
gebräuchlich. Das Tragen und die Verwendung metallener
Waffen hatte sich vornehmlich auf wohlhabende Adelskreise
beschränkt. Die breite Masse der Einheimischen übten
den Umgang mit Waffen aus den Materialien Holz, Bambus oder
Rattan. Die Stöcke in den philippinischen Kampfkünsten
sind in der Regel aus Rattan gemacht. In der Regel haben
sie eine Länge von 70 cm und einen ungefähren
Durchmesser von 20 bis 25 mm. Die Länge kann aber von
Stil zu Stil variieren und reicht von 30 cm bis 220 cm.
Über
die philippinischen Kriegkünste
"Laut
ihren Geschichten war Panas, Anoranors Sohn und Enkel der
ersten Menschen, der erste Mann, der einen Feldzug führte.
Um eines Erbes Willen erklärte er Mangaran den Krieg.
Aus dieser Zeit also stammen die Kriege, denn seither waren
die Menschen in zwei Gruppen zersplittert und Feindschaft
wurde vom Vater zum Sohn weitergegeben. Es wird auch erzählt,
Panas sei der erste Mensch gewesen, der im Kampf Waffen
gebrauchte."
Miguel de Loarca, 1582
Unter
"Philippinischen Kampfkünsten" werden heute
im allgemeinen die seit der spanischen Kolonialzeit nach
1565 beeinflussten und modifizierten, linguistisch inspirierten,
aber auch neu entstandenen Waffen-, und Kampftechniken verstanden,
die als Kali, Arnis und Eskrima weltweit zu immer größerer
Popularität wachsen. Uneingeweihte bedienen sich lapidar
des Wortes "Stockkampf"; ein Ausdruck, hinter
dem die Komplexität der Künste fast schon geringschätzig
verborgen bleibt. Doch werden Arnis und Eskrima vielfach
nur missverstanden, sind in Europa andererseits die waffenlosen
Künste Sikaran oder Panatukan, Panadiakan, Suntokan,
Dumog, Yaw-Yan und Kuntao, um nur einige zu nennen, weitgehend
völlig unbekannt.
Der vielerseits als ur-philippinisch geltende Begriff Kali,
oft gleichgesetzt mit 'Mutter der Philippinischen Künste',
erfreut sich insbesondere bei den Anhängern des von
Bruce Lee kreierten Jeet Kune Do großer Beliebtheit.
Dass vorkoloniale Methoden und Kampftechniken zumindest
für die unmittelbaren Nachfahren Arnis und Eskrima
einen nährstoffreichen Boden bildeten, darf unbestritten
vorausgesetzt werden. Ob sie jedoch landesweit als Kali
bekannt waren und dieser Ausdruck hyperonym für die
Kriegskünste stand, ist hingegen mehr als zweifelhaft.
Doch davon später. Seit Alters her sind die philippinischen
Kampfkünste tief mit der Kultur des Volkes verwoben.
Sie existierten lange vor Ankunft islamischer und christlicher
Missionare und Eroberer. Indes lässt sich ihr Ursprung
nicht datieren, ihre Quellen sind überwuchert vom Dickicht
der Geschichte. Nur wenige einheimische Aufzeichnungen überdauerten
unbeschadet die Zeiten; viele mündliche Überlieferungen,
so ergiebig sie vordergründig erscheinen mögen,
gilt es zunächst in die Waagschale zu werfen, ehe sie
als historisch vorausgesetzt werden dürfen. Allerdings
ranken die über Generationen weitergegebenen Mythen
und Legenden stets um das kulturelle Erbe der philippinischen
Völker.
Einmal befreit vom mystischen Zauber, gewähren sie
dann tiefe innere Einsichten in die einstige martiale Welt
der Krieger. Den Blick von außen schließlich,
so wie uns die Krieger entgegengetreten wären, dokumentieren
jene spanischen Chronisten und Missionare, die nach 1565
den Archipel bereisten und ihre Eindrücke in ihren
Briefen und Tagebüchern beschrieben.
Die Kriegskunst war nie das Privileg einer Kriegerkaste.
Mögen Datus (Häuptlinge) und Maharlika auch die
besten Kämpfer um sich geschart und herausragende Techniker
zu ihren Lehrmeistern berufen haben, der Reispflanzer, der
Fischer, der Bauer, letztlich die Mehrheit der Dorfgemeinschaften,
übte sich ebenso im Umgang mit Stock, Messer, Schwert
und Bolo wie der Krieger.
Ruy Lopez de Villalobos, der 1543 vergeblich versucht hatte
Sarangani zu besiedeln, bemerkte in seinem Bericht: Die
offensiven Waffen der Einwohner dieser Inseln sind Schwerter,
Dolche, Lanzen, Speere und ähnliche Wurfinstrumente,
Pfeil und Bogen, sowie Schleudern. In der Regel besitzen
sie alle giftige Kräuter und andere Gifte, die sie
während ihrer Kriegszüge einsetzen. Ihre defensiven
Waffen sind mit Baumwolle versehene Schutzpanzer aus Holz
und Buffelhorn, die bis zu den Füßen reichen,
aber auch Brustpanzer aus Bambus oder Hartholz. Helme werden
aus der Haut von Hundshaien gefertigt, die sehr widerstandsfähig
ist. Auf einigen Inseln benutzen sie kleine Artilleriegeschütze
und einige Arkebusen.
Bewaffnete Auseinandersetzungen unter den Barangays (Dörfen,
Städten, Gemeinden) bezogen jeden wehrtüchtigen
Mann mit ein. Plündernde chinesische Piratenbanden
und Kriege mit anderen Stämmen oder ethnischen Gruppen
waren keine Seltenheit. Ja, selbst private Streitigkeiten,
Eifersucht und verletzte Ehre wurden mit der Kriegskunst
beantwortet und geregelt. Dies soll jedoch nicht implizieren,
jeder Bewohner der vorkolonialen Philippinen sei ein Kriegskünstler
im engeren Sinne des Wortes gewesen, habe neben seinem täglichen
Reiserwerb einen Lehrmeister aufgesucht, um nach "Feierabend"
zu trainieren. Mitnichten! Aber Wehrübungen und Selbstverteidigung
waren lebenswichtig und es galt allgemein, zumindest die
grundsätzlichen und einfachen Prinzipien und Techniken
des Kampfes zu verstehen. Hier wurzelte die "Philosophie
der Einfachheit", die den philippinischen Systemen
über die Jahrhunderte hinweg ihre Effektivität
und Effizienz verlieh. Die talentiertesten, geschicktesten
Kämpfer wiederum avancierten zu Lehrern, entwickelten
die Methoden weiter, übernahmen später europäische
Fechtpraktiken oder - was vielfach gerne übersehen
wird verbesserten diese. Sie mögen aber letztlich nicht
unwesentlich zur Vielzahl der Stile und Systeme beigetragen
haben.
In der Folklore schlugen sich die Kriegskünste in Tänzen,
Mythen und Legenden nieder. Der Sagayan der Maranaw von
Mindanaw ist ein solcher Tanz. Er verkörpert den Krieger
in den Augenblicken einer bevorstehenden Schlacht, soll
seinen ganzen Mut und seine Tapferkeit entfalten und lässt
ihn sich gleichzeitig durch festgelegte Formen in die Handhabung
seines Schwertes einfühlen.
Kayaw, ein Tanz der Kaiinga, beschwört eine erfolgreiche
Kopfjagd. Der Pattong der Bontoc beinhaltet Kriegszeremonien
und Riten. Ein waffenloser Kampftanz ist der Tumahik der
Yakan von Basilan. Nicht ohne ein wenig Selbstironie stellen
die Tänzer ihr Geschick in hohen Tritten, Ausweichmanövern
und gekonnten Fallübungen dar.
In Legenden gelangten Bannigen von Mindanaw und Mangal von
Mactan zu unsterblichen Ruhm, die geschützt durch die
Macht ihres Anting-Anting, unüberwindliche Schwertkämpfer
und im Alter herausragende Führer wurden. Eine der
beliebtesten philippinischen Heldinnen ist die mythische
Prinzessin Urduja, eine Amazonenkriegerin aus der Provinz
Pangasinan, die ihr Kris exzellent und ihr weibliches Heer
in erfolgreiche Schlachten zu führen wusste.
Die Darangen der mindanawischen Maranaw am Lanao-See stellt
vielleicht die älteste schriftliche Quelle über
philippinische Kampfkünste dar. Darangen, zu maranaw
darang 'das, was gesungen wird', leitet sich von Sanskrit
tarangini 'Geschichte' her.
Das Epos umfasst annähernd zweiundsiebzigtausend Zeilen
und geht, obwohl heute islamisiert, in die vormuslimische
Zeit zurück. Die Themen sind größtenteils
unreligiös, handeln von der Regentschaft Diwatando
Gibons, dem tragischen Schicksal der Prinzessin Gandingan,
den Reisen und Kämpfen des Bantugen und seinen Söhnen,
von Mythen und Heldentum, aber auch von Weisheit und menschlichem
Miteinander. Von den fünfundzwanzig Liedern der Erzählung
wurden achtzehn aufgezeichnet, die sich wiederum in vier
Teile gliedern. Im dritten Teil schließlich, den Liedern
13, 14 und 15, wird der Krieg des jungen Prinzen Misoiao
gegen die anderen Barangays der Insel geschildert. Bedeutend
ist hierbei das fünfzehnte Lied "Die Sagayan Kriegsvorführung",
in dem die Techniken der Kriegsführung, die unterschiedlichen
Handhabungen von Stöcken und Schwertern und die verschiedenen
Schwertkampfpositionen beschrieben werden. Für jeden
Sagayan-Tänzer war dies der Leitfaden, seine Kampfkunst,
Techniken und Prinzipien zu erlernen.
Die bereits erwähnten Maragtas, sowie mündliche
Überlieferungen, berichten von sogenannten bothoan.
Orte, an denen junge Krieger im bewaffneten wie unbewaffnetem
Kampf unterrichtet und gleichzeitig in die Schriftzeichen,
Rituale und Strategien eingerührt wurden. In vielen
Fällen instruierten die Datus persönlich ihre
Schüler, aber auch Darangangan, hervorragende Krieger,
waren als Lehrer tätig. Das Wort bothoan, eigentlich
botho-an, leitet sich von tabo 'Zusammentreffen' und tagbotabo
'einer heimlichen Versammlung verpflichtet sein her. Die
substantivische Nachsilbe 'an weist in den philippinischen
Sprachen auf einen Ort oder Platz hin.
Allerdings lässt die Herkunft des Begriffes wie auch
die zweifelhafte Historizität der Maragtas den Schluss
zu, dass derartige Ausbildungsstätten erst während
der Kolonialzeit entstanden, als die Spanier Kriegskünste
unter der einheimischen Bevölkerung ächteten und
verboten. Denn bis zur Eroberung des Archipels waren - Kuntao
ausgenommen - wehrtüchtige Übungen keineswegs
geheim.
Wie auch immer, in der Tradition steht Bothoan für
"Lehrstätte junger Männer und Frauen",
die, so wird der Nachwelt mitgeteilt, den geistigen Aspekten
des philippinischen Lebens hohen Stellenwert beimaßen.
Die Schüler hatten sich regelmäßig harten,
theoretischen wie praktischen Prüfungen zu unterziehen,
deren Nichtbestehen gleichbedeutend mit dem Ausschluss von
der Schule war. In späteren Jahren entsandten wohlhabende
Familien ihre Sprösslinge gerne in namhafte Bothoans
und verhalfen diesen "Akademien" zu beträchtlichem
politischen Einfluss in der einheimischen Bevölkerung.
So entwickelte sich die "heimliche Versammlung"
zur Quelle antikolonialer Strömungen und förderte
durchaus den Revolutionsgedanken. Philippinische Nationalhelden
wie José Rizal, Andres Bonifacio, der Begründer
des Geheimbundes "Katipunan" oder Emilio Aguinaldo,
der erste philippinische Präsident zwischen spanischer
und amerikanischer Kolonialzeit, erhielten im Bothoan
der Ateneo de Manila ihre Ausbildung in den Kampfkünsten.
Doch den durch Immigrationen aus den Seereichen Sriwijaya
und Majapahit beeinflussten Schwertpraktiken und Kampftechniken
gingen zunächst die Kriegskünste älterer
Bewohner des Archipels voraus. Die Aeta, die als die eigentlichen
Ureinwohner der Philippinen betrachtet werden, galten als
ausgezeichnete Bogenschützen, die ihre vergifteten
Pfeile tödlich sicher ins Ziel zu bringen wussten.
Auf Mindanaw und Palawan war das Blasrohr gefürchtet,
dessen Geschosse ebenfalls mit Pflanzengift versehen wurden.
Unter den "Menschen der Berge" Nord-Luzons, den
Igorot, war die Kopfjagd allgemein verbreitet. Ihr wildes,
martialisches Wesen flößte selbst den kriegsbewährten
spanischen Eroberern Respekt ein. Juan de Valderrama wusste
1591 zu berichten: Daher bekunden wir den Menschen dieser
Gegend [Zambales], daß es legitim ist, Krieg gegen
die Wilden zu führen und sie wie wilde Tiere zu töten,
denn diese beunruhigenden und wandernden Völker leben
nämlich wie wilde Tiere. ... Es ist jederzeit gerechtfertigt,
die Negritos und Zambales mit Krieg zu übersehen, ja,
mit Feuer und Schwert.
Wir beweisen dies durch o.g. Erklärungen, denn Grausamkeit
gilt ihnen als menschlicher Wert und ist daher ein natürlicher
Instinkt zu nennen. Sie erwerben ihre Ehre durch rucksichtsloses
Töten."
Die Europäer, die dreihundert Jahre vergeblich versuchten
die südlichen islamischen Stämme Mindanao und
der Suluinseln zu unterwerfen, sollten auch an den Bergvölkern
Luzons scheitern. Zu den Waffen der Igorot, deren Gebrauch
stets Geübtheit voraussetzte, gehörten die kaman
(Kopfaxt), der tufay (Speer) und der kalasag (Schild). Dazu
führten die Krieger ein Behältnis mit sich, das
sangi genannt wurde und dazu diente, den abgetrennten Kopf
eines Feindes aufzubewahren. In ihrem Kriegstanz, dem bangibang,
offenbarte sich schließlich das tödliche Geschick,
mit dem sie ihre Waffen anzuwenden verstanden.
Unabhängig voneinander pflegten die ethnisch verschiedenen
Gruppen, wie auch die Stämme untereinander, eine Art
des waffenlosen Allkampfes, der aus Hand-, Fuß,- und
Wurftechniken bestand. Einige davon werden bis heute von
kulturellen Minderheiten praktiziert; es lassen sich jedoch
alle
zumindest noch immer linguistisch nachweisen. Das bugno,
layog oder lampugan in den Visayas entspricht dem gabbo
der Tagalog, dem pantok der Bicolano oder dem balsakan der
Pampanga. Diese tatsächlich urphilippinischen Kampfformen
bestanden vor den Stilen, die gegenwärtig fälschlicherweise
unter Kali zusammengefasst und als "Mutter der Philippinischen
Kampfkünste" deklariert werden.
Wo immer die späteren Einwanderer aus Malaysien und
Indonesien landeten, um für ihre Stämme und Familien
Siedlungsland zu erschließen, kam es zwangsläufig
zu Berührungen mit den bereits ansässigen Ureinwohnern.
Ob diese Begegnungen stets so friedlich verliefen wie auf
Panay, als die Ati
ihr Tiefland an die Datus aus Borneo verkauften und den
Vertragsabschluß mit einem gemeinsamen Fest feierten,
ist nicht überliefert, aber sehr zweifelhaft.
Widerstand und erbitterte Auseinandersetzungen werden wohl
die wahrscheinlichere Variante dieser Begegnungen gewesen
sein. Dabei trafen die grobschlächtigen Kampfpraktiken
der Einheimischen auf die verfeinerten Waffentechniken der
Ankömmlinge. Techniken, die schließlich miteinander
verschmolzen und den Nährboden der kolonialen philippinischen
Kampfkünste bildeten. Eiserne Schwerter wie das Kris
und das Kampilan waren zu dieser Zeit noch nicht allgemein
gebräuchlich. Selbst zu Beginn des 16. Jahrhunderts,
als Ferdinand Magellan 1521 den Archipel erreichte, übten
sich die gewöhnlichen Inselbewohner hauptsächlich
im Umgang mit aus Holz und Bambus gefertigten Waffen. Wiederholt
in den Aufzeichnungen erwähnt werden sogenannte alho,
lange, konisch zulaufende Reismörser, in Feuer gehärtete
oder aus Rattan geschnittene Stöcke, Bambusspeere sowie
Pfeil und Bogen.
Der Besitz von metallenen Waffen hat sich folglich vornehmlich
auf wohlhabende Adelskreise und reiche Barangays beschränkt.
Dann aber, so wissen die spanischen Chronisten zu berichten,
waren diese Waffen von hervorragender Qualität. Mehr
noch! Die Konquistadoren entdeckten erstaunliches: Nach
der Eroberung Maynilads (Manila) 1570 fanden sie im Besitz
Raha Sulaymans zwölf gußeiserne Kanonen, die
von einem Waffenschmied namens Panday Pira zur Abwehr von
Piratenüberfällen hergestellt worden waren.
Pira, das vorangestellte panday ist Tagalog für 'Schmied',
wurde 1488 bei Apalit in Pampanga geboren. 1508 kam er mit
seiner Familie nach Maynilad, wo er eine Gießerei
eröffnete. Historiker vermuten, Pira habe die Kunst
des Kanonenschmiedens von einem Portugiesen erlernt, dessen
Landsleute seit 1511 die Molukken kontrollierten und Kontakte
zu Luzon pflegten. Seine Kanonen indes versagten aufgrund
minderwertigen Pulvers. Als Miguel Lopez de Legazpi 1571
zur Einnahme der Siedlung nach Maynilad kam, floh Pira nach
Apalit, wo er begann, feinste Schwerter und landwirtschaftliche
Geräte zu schmieden. Doch die Spanier holten ihn zurück
und ließen ihn in Lamayan Kanonen für ihre Zwecke
herstellen. Sie befreiten ihn dafür von jeglichen Steuern
und Verpflichtungen.
Nach seinem Tod im Jahre 1576 schrieb der damalige Gouverneur
Guido de Lavezaris an König Philipp II.: Wir können
hier keinen Mann ausfindig machen, der ihn [Pira] ersetzen
kann.
Auch die Moros besaßen mit ihrer lantaka ein von den
Spaniern in späteren Jahren gefürchtetes Drehgeschütz.
Dennoch, das Gros der kriegerischen Ausrüstung bildeten
Hieb-, und Stichwaffen, die, soweit es sich um die traditionellen
Schwerter Kris und Kampilan handelte, unter Einhaltung strikter
Rituale geschmiedet wurden.
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